Als Menschen sind wir in eine Welt geworfen, die wir nie wirklich greifen können. Wir haben keine Ahnung warum es uns gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält und was danach kommt. Und immer, wenn wir kurz glauben, doch eine Ahnung zu haben, verliert sich die Spur im Nebel und unsere Idee zerrinnt in den Händen wie Sand. Ein schlüssiges Bild des Ganzen bleibt uns verwehrt.
Als Menschen können wir dennoch nicht aufhören, danach zu suchen; zumindest Ansätze zu bilden. Wir nennen das Philosophie — oder Kunst.
Ein Feld dieses großen Welträtsels ist die Beziehung von uns selbst zum Ganzen. Es gibt die menschliche Empfindung einer intensiven Nähe zur Welt, eines Gefühls von Sinnerfülltheit und harmonischer Einheit mit der Umwelt. Und es gibt die Empfindung von der Welt als einem im Grunde kalten, ungreifbaren und fremden Ort, von Einsamkeit zum Schluss.
Die folgenden beiden Gedichte stellen, wie ich finde, die beiden Pole der Empfindungen über die Weltbeziehung des Menschen sehr eindrücklich dar:
Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Herrmann Hesse, 1905
Versuch es
Stell dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen
spinn dich in das Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!
Stell dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in dich hinein
und versuche, gut zu sein!
Stell dich mitten in das Feuer –
Liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein
und versuche, gut zu sein!
Wolfgang Borchert, 1949
Beide Gedichte wurden im Übrigen auch vertont. Im Nebel über hundertmal, unter anderem von den Toten Hosen. Versuch es kommt in der Version von Bayon im Film Das Leben der Anderen vor.
In Versuch es steckt vielleicht wirklich so etwas wie ein kategorischer Imperativ fürs Leben — zumal von Immanuel Kant selbst folgender Satz stammt: “Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.”
Also lasst uns im Regen stehen und versuchen, gut zu sein.

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