Ein Hund im Sinne des Gesetzes kann auch eine Katze sein. Will heißen: Inhalt kann in Sprache grundsätzlich beliebig kodiert werden. Wie das passiert, hängt von den faktischen Umständen der sprachlichen Äußerung ab. Das ist die abstrakte Wahrheit, die diesem Text zu Grunde liegt. Das Ergebnis: In der Politik sollte man reden wie unter Kindern.
Das Abstumpfen der politischen Sprache
Die politische “Mitte” macht gerade eine unschöne Erfahrung: Die faktische Bedeutung und das Gewicht von politischen Begriffen verändern sich im Diskurs. Mal laden sie sich besonders auf, mal stumpfen sie ab, mal vermitteln sie plötzlich das Gegenteil des gewollten Inhalts. Abhängig ist das von der faktischen Diskursmacht (Glaubwürdigkeit, Sympathie) der Verwenderseite bzw. der Idee, für die die Begriffe stehen.
Man könnte an dieser Stelle viel erzählen von offenbar mangelnder Glaubwürdigkeit der staatstragenden Parteien und von Entfremdungen. Ich möchte einfach die Realität für sich sprechen lassen:
Die sogenannte Alternative für Deutschland wird in quasi jeder sie betreffenden politischen Rede, in jedem Fernsehbeitrag und in jedem Zeitungsartikel wahlweise als antidemokratisch, als rechtsradikal, (gesichert) rechtsextremistisch, faschistisch oder verfassungsfeindlich bezeichnet. Doch immer mehr Menschen scheint das einfach vollkommen egal zu sein. Ähnliches gilt für die Bezeichnung von Menschen als rassistisch, sexistisch oder was-auch-immer-istisch.
Auch scheint die wiederholte Selbstbezeichnung von Union, SPD, Grünen und Co. als “wir demokratische Parteien” nicht gerade das Einheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken, obwohl doch Demokratie weithin als etwas Gutes anerkannt war.
All diese Dinge wurden
- zu oft,
- zu oft auch ungerechtfertigt und
- zu selektiv von bestimmten Gruppen gesagt,
um noch als gemeinsame Orientierungspunkte der ganzen Gesellschaft zu taugen.
Die Wirkung von Worten passt sich der Wirklichkeit an. Kritisiere ich mit einem Wort eine Sache, die jemand mag, dann werte ich damit vielleicht tatsächlich nicht die Sache ab, sondern das Wort. Wer dieses Wort verwendet, steht nun schlechter da. Oder es wird einfach ignoriert. Oder sich angeeignet.
Wer zu viel von Demokratie spricht, dürfte im Ruhrgebiet und in ländlichen Regionen Ostdeutschlands vielen als ausgemachter Antidemokrat gelten. Es mehren sich sogar in erheblichem Umfang Stimmen folgender Art: “Wenn das eure Demokratie ist und wenn meine Leute rechtsextrem sind, dann bin ich halt auch rechtsextrem und will von dieser Demokratie nichts mehr wissen.”
Verwurzelte Begriffe
Wer die Risse in unserer Gesellschaft schließen möchte, sollte deshalb so oft wie nur möglich auf Alltagssprache statt politischer Sprache setzen.
Je mehr wir – außerhalb des Politischen – mit einem Begriff assoziieren, je vielfältiger, persönlicher und zeitlich gestreckter diese Assoziationen sind und je ähnlicher diese Assoziationen mit anderen Teilhabern der Gesellschaft sind – je verwurzelter ein Begriff also ist, desto geringer ist die Gefahr, dass dieser Begriff seine Wirkung verliert oder sein Inhalt verbogen wird. Die Verbindung von Begriff und Inhalt ist dann besonders stark.
Rein politische Begriffe sind flach, ohne tiefe Wurzeln im Leben. Ich spreche hingegen von Wörtern, die wir aus unserer Kindheit kennen, die es in fast jeder Sprache gibt und die grundlegende menschliche Eigenschaften, Empfindungen und Phänomene beschreiben:
Ehrlichkeit, Leben, Freiheit, Mut, Menschlichkeit, Würde, Ehre, Frieden, Freundschaft, Grausamkeit, Nachbarschaft, Liebe, Respekt, Hass, Wut, Trauer, Not, Lüge, Wahrheit, Rache, Gier – die Liste ließe sich fortsetzen.
Auch solche Begriffe können sich in einem bestimmten Kontext abnutzen und ihre spezifische Wirksamkeit verlieren, jedoch hauptsächlich dann, wenn ein einzelner verwurzelter Begriff so extrem inflationär durch eine politische Kraft verwendet wird, dass er in dem einzelnen Kontext als Kampfbegriff verstanden wird. Mir geht es aber gerade darum, nicht einzelne Begriffe zu Kampfbegriffen umzuprägen, sondern vielmehr in jeder Situation neu zu überlegen, was genau eigentlich gerade das Problem ist – und dann auch genau das zu benennen, Begriffe also stärker zu variieren.
Besser sprechen heißt besser denken
Ein Einwand gegen meinen Vorschlag könnte sein: “Politische Begriffe sind oft treffender für politische Zusammenhänge. Das Wort “Faschismus” beschreibt eben den Faschismus als komplexes Phänomen. Um das durch Alltagssprache zu ersetzen und dabei alles zu erfassen, müsste ich ein Buch schreiben.”
Dieser Einwand ist vollkommen berechtigt und deshalb spreche ich auch politischen Begriffen nicht pauschal ihre Existenzberechtigung ab. Man sollte aber bei ihrer Verwendung nie vergessen, dass ein solcher sprachlicher Pragmatismus nicht bloß bei sehr häufiger Verwendung Spaltungsrisiken mit sich bringt, sondern auch zwangsläufig zu Lasten der Präzision geht. Für “Faschismus” gibt es wahrscheinlich 200 verschiedene Definitionen und was “Rechtsextremismus” so ganz genau heißt, ist vollkommen unklar. Und meint “unsere Demokratie” wirklich nur Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip oder sind damit auch Liberalität, Rechtstaatlichkeit und Sozialstaatlichkeit umfasst?
Mein Vorschlag ist deshalb nicht nur eine metapolitisch-strategische Überlegung. Vielmehr geht es mir darum, auch für die eigene Gedankenwelt Klarheit zu schaffen. Größere Genauigkeit in der Sprache führt dazu, dass man auch den formulierten Gedanken genauer denken muss (Nietzsche: “Den Stil verbessern — das heißt den Gedanken verbessern”).
Denn je verwurzelter ein Begriff ist, desto intuitiver können wir und andere die Richtigkeit seiner Verwendung durch den Abgleich mit all unseren Erinnerungen überprüfen, oftmals geradezu spüren. Von diesem Spürsinn bitte ich dann jedoch auch Gebrauch zu machen und sich wirklich immer wieder zu fragen: Treffe ich hier gerade den Punkt? Oder spreche ich nur von sozialer Kälte, von Hass und Hetze oder von Verrätern, weil mein Vorredner das auch schon tat und man dafür im Moment Applaus erhält?
Halt
Mir ist klar, dass dies eine idealisierte Darstellung ist, die viele Einzelheiten und Widersprüche außer Acht lässt.
Doch es geht mir um etwas Grundsätzliches: Unsere Welt gerät aus den Fugen, alle suchen Halt. Auch in der Sprache. Wollen wir den Halt finden in politischen Fronten oder in jahrtausendealten menschlichen Ideen von Freundschaft, Mut und Wahrheit?

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